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Montag, 12. März 2012

Arbeitsetikette auf der Insel - no chance for burnout

Ich will es gleich vorweg schicken, die nachfolgenden Beobachtungen beziehen sich ausschliesslich auf meine Erfahrungen. Ich bin mir bewusst, dass andere Menschen durchaus andere Erfahrungen gemacht haben oder machen werden.
Seit ich auf der Insel bin, arbeite ich auch hier, genauer, in fünf verschiedenen Firmen und in verschiedenen Büro- und auch Management-Positionen. Das ging über eine kleine Privatfirma bis zu Firmen, die sich meist in US Besitz befinden, bzw später übernommen wurden.
Der Arbeitsplatz ist bei den Briten normalerweise ein Ort der Kommunikation, der Geselligkeit. 'Private comes first' ist dann auch eine wichtige Redensart. Hierarchie gibt es nicht, alles sitzen in einem Boot, nennen sich beim Vornamen. Das ist umso erstaunlicher, als in Grossbritannien immer noch grosse Klassenunterschiede gibt, das spielt sich allerdings mehr auf privater Ebene ab. Am Arbeitsplatz ist die Tür zum Boss immer offen, mit ihm kann man alle Probleme, auch private (immer gerne) besprechen. Wichtige Entscheidungen werden in der Tee-Küche oder beim Mittag im Pub getroffen. Auch Feierabendbeschäftigungen mit den Kollegen werden im 1-2-1 (sprich one-to-one) gut bewertet. Das Berufsleben besteht (wie auch schon das Schulsystem) aus einer Aneinanderreihung von Appraisals (so eine Art Zeugnissbesprechung), dieses finden monatlich, halbjährlich und jährlich statt. Man füllt lange Formulare aus, setzt Ziele und entdeckt Gelegenheiten zur persönlichen Weiterentwicklung etc. alles immer schön positiv, da muss man wirklich keine Angst haben.
Gleiches passiert auf der Firmenebene, jeder noch so kleine Arbeitsschritt wird in einem Prozess dokumentiert, dieser Ablauf wird allen Mitarbeitern zugänglich gemacht, so ist man immer auf dem Laufenden, scheibchenweise gewissermassen, das Ganze wird von regemässigen Audits begleitet.
Das Leben am Arbeitsplatz orientiert sich, wie auch schon in den Schulen hier, am Schwächsten Mitglied der Truppe. Diesem wird von allen geholfen, so dass das TEAM am Ende das Ziel erreicht. Fehler des einzelnen werden in meiner Erfahrung eher verschleiert, als offen diskutiert. Was allerdings sehr ungern gesehen wird, ist, wenn ein Mitarbeiter (oder sogar Boss- ich habe allerdings noch keinen Boss erlebt, bei dem das vorgekommen wäre) sich im Ton vergreift, dem wird von offizieller Seite sofort nachgegangen, der richtige Ton ist von grosser Wichtigkeit!
Dieses positive Betriebsklima behindert manchmal die Effizienz der Arbeit, aber es erzeugt ein Umfeld in dem die Mitarbeiter sicher ihrer Tätigkeit nachgehen können.
Mir und auch Hubby ist in all den Jahren, die wir auf der Insel im Berufsleben stehen, niemand bekannt geworden, der am Burn Out Syndrom litt bzw leidet und das finde ich schon sehr bemerkenswert!

Kommentare:

Hillside Garden hat gesagt…

Das war jetzt sehr interessant für mich, ich kenne GB ja nur von der Urlaubsseite her, also fast jedenfalls. Eine Verwandte von mir lebt und arbeitet auch drüben und berichtete, dass das Arbeits leben viel entspannter sei als in D. Ich zieh um, nur wie findet GG eine Arbeit? Und außerdem sind mir die Immobilien bei euch zu teuer! ;))

Sigrun

stadtgarten hat gesagt…

Das hört sich wirklich toll und auch sehr erstrebenswert an, denn ich denke, durch so ein Arbeitsumfeld steigt die Lebensqualität ganz enorm. Leider sind wir hier in Deutschland von so einem Modell meilenweit (oder eher Lichtjahre????) entfernt...
Herzlichen Dank für diesen interessanten und Mut machenden Einblick in die englische Lebensweise.
Ich wünsche Dir eine schöne Woche, liebe Grüße, Monika

Island Girl hat gesagt…

Hallo, da freu ich mich aber, ueber die positiven Kommentare. Dieses Art zu Arbeiten ist aber nicht Programm, das ergibt sich einfach so. Vielleicht liegt es auch am Tee??
LG
Gudrun